Zischende Zwiebeln in einer Bratpfanne füllen die Kinoleinwand. Nahaufnahmen von Händen, die mit Schwingbesen eine Sauce rühren, blenden zu schwarz-weiss Aufnahmen von Frauen aus den 50ern über, die dasselbe tun. Doch der erste Eindruck trügt: Hallo Betty ist kein Film übers Kochen, sondern einer über Emanzipation, Werbung und Liebe. Wir folgen Emmi Creola-Maag (Sarah Spale) ins Büro, auf die Strasse, ins Schlafzimmer. Der Film ist sympathisch, lustig und mit viel Liebe zum Detail gemacht. Ganz den historischen Details treu geblieben ist er allerdings nicht. Auf der Suche nach den tatsächlichen Begebenheiten habe ich für diesen Artikel mit einer ehemaligen Mitarbeiterin von Betty Bossi über ihre Arbeit gesprochen, von Rezepten bis zu Geschlechterverhältnissen.
Historische Hintergründe und künstlerische Freiheiten
Wahr ist die Haupthandlung der Geschichte: Die Werbetexterin Emmi Creola-Maag (1912-2006) hat 1956 den Namen und die Figur Betty Bossi erfunden, als Werbung für Speiseöle der Firma Astra. Inspiriert wurde Creola dabei unter anderem von Betty Crocker, einer fiktiven Werbeköchin, die in den Vereinigten Staaten sehr bekannt war. Den Namen Betty Bossi hat sie bewusst so gewählt, dass er für alle Landessprachen gut benutzbar ist. Bis 1972 war Creola dann Chefredakteurin der Zeitung Betty Bossi Post, wobei sie gerade bei der Auswahl und Bearbeitung der Rezepte von einer Hauswirtschaftslehrerin unterstützt wurde. Dass sie dafür gleich 30 Hauswirtschaftslehrerinnen ins Büro eingeladen hat, wie sie das im Film tut, ist wohl unwahrscheinlich – diese Szene zeigt aber auf eine witzige Weise den Beitrag der Hauswirtschaftslehrerinnen. Anfangs nur auf einer Seite und gratis lag die Betty Bossi Post in Lebensmittelgeschäften auf. Manchmal als «teuerstes Salateinwickelpapier der Schweiz» zweckentfremdet, hat sie nicht von Beginn weg funktioniert.
Das Projekt Betty Bossi hat seither mehrmals die Hand gewechselt – Unilever, Ringier AG, Coop – und sich kontinuierlich verändert: Verschiedene Namen und Konzepte der Zeitung, die berühmten Back- und Kochbücher, Angebote für Küchengeräte, eine Kochhotline und 2001 sogar eine Fernsehshow gehörten über die Jahre dazu. Der Film verwendet diese Vielseitigkeit anachronistisch: Entgegen der Darstellung gab es kein Betty Bossi-Fernsehen in den 50ern und Liveshows gab es nie. Die modern-feministisch gezeichnete Maxi Bossert (Rabea Egg), die im Film unter anderem diese Liveshows organisiert, ist wohl ebenfalls eine reine Kunstfigur.
Historisch ungenau scheinen mir auch die Dialoge zu sein. Reale Gespräche aus den 1950ern sind nicht überliefert, und Creola, die sich vielleicht an die Art des Sprechens und der Dialoge hätte erinnern können, ist bereits 2006 verstorben. Die Dialoge sind dramaturgisch aufgepeppt und die Sprache wirkt – trotz eingebauten Ausdrücken aus den 50ern – ziemlich modern.
Im Gespräch mit einer echten Betty Bossi-Mitarbeiterin
Über die klassische Entstehungsgeschichte von Betty Bossi hinaus interessierte mich der Alltag der Mitarbeitenden. Einen Einblick in diese Welt gewährte mir Johanna Maag. Sie ist eine gute Freundin meiner Grosseltern und hat von 1977-1994 bei Betty Bossi gearbeitet. Die ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin war neben dem Kochen auch in der Rezeptwahl, im Schreibprozess und bei den beworbenen Küchenprodukten involviert. Zwar hat Maag Creola nicht persönlich gekannt und Strukturen und Produkte hatten sich seit deren Zeit verändert. Dennoch kann sie mir einiges aus dem Film bestätigen: Betty Bossi bestand zu allen Zeiten aus einem grossen Team und trotzdem gab es wirklich Leute, die «Betty» für eine reale Person gehalten haben. Bei ihren Schichten in der Telefonberatung wurde Johanna Maag gelegentlich mit «Frau Bossi» angesprochen und trotz der Klarstellung, sie heisse Maag, wieder mit «Adje Frau Bossi» verabschiedet. Gerade in der Anfangszeit habe «Betty» zudem wirklich viele Leser:innenbriefe erhalten.
Auch «exotische» Neuheiten, wie im Film das Rezept für Tiramisu, hat Betty Bossi tatsächlich publiziert. Zumindest während Johanna Maags Zeit wurden sie aber Spezialkochbüchern entnommen, oft abgeändert und nicht wie im Film direkt von Italiener:innen übernommen.

Johanna Maag erzählt weiter von einem guten Verhältnis im Team. Solche intensiven Spannungen zwischen Männern und Frauen, wie im Film dargestellt, erlebte sie nicht. Dort wird in der ersten Szene gezeigt, wie Creola mit wenig Erfolg ihre Idee einer fiktiven Köchin dem Chef vorstellt, woraufhin ein neuer männlicher Angestellter die Idee stiehlt und viel Zustimmung erntet. Dass Creola als Frau in der Arbeitswelt weniger ernst genommen wird, bleibt durch den ganzen Film hindurch ein Problem, und so muss sie auch um alle zusätzlichen Mittel für Betty Bossi kämpfen. Johanna Maag berichtet mir zwar nicht von solchen Erfahrungen, aufgefallen ist ihr jedoch ein gewisses Konkurrenzverhältnis zwischen einigen Frauen. Dieses sei jedoch nie so stark ausgeprägt gewesen wie im Film. Dort wird dies mittels Frauenfiguren gezeigt, die verschieden mit dem Patriarchat umgehen und dadurch aneinandergeraten: Sophie (Morgane Ferru), eine Büroangestellte, die den Männern schmeichelt und die eigenen Ansprüche tief hält, verurteilt das konfrontative Verhalten von Maxi Bossert. Diese wiederum macht sich über Sophies Unterwürfigkeit lustig.
Arbeitstätige Mütter und das Patriarchat
Weniger respektiert werden im Job, Umgang mit patriarchalen Erwartungen an Frauen – zeigt Hallo Betty, was zum Leben einer arbeitstätigen Mutter in den 1950er der Schweiz dazugehörte? Wird das feministische Potential der Betty Bossi-Geschichte ausgeschöpft?
Thematisiert werden nicht nur «unauffällige» Schwierigkeiten, denen Frauen in der Arbeitswelt begegne(te)n, sondern auch physische Gewalt. Maxi Bossert wird von ihrem Mann, dem sie entflohen war, im Büro aufgespürt und geschlagen. Creola erlebt zwar keine häusliche Gewalt, doch durch ihre vermehrte Abwesenheit zu Hause werden Haushalt und Kindererziehung vernachlässigt; denn obwohl ihr Ehemann Ernst Creola (Martin Vischer) zu «helfen» versucht, trägt sie den Grossteil des mental loads. Und als er doch immer mehr übernimmt, gerät ihre Beziehung ins Ungleichgewicht. Ernst hat mit Selbstwertproblemen zu kämpfen, weil er das Familieneinkommen nicht alleine verdienen konnte, seine Frau im Job erfolgreicher ist als er und er sich um Haushalt und Kinder kümmern muss. Statt seine Gefühle offen zu teilen, versteckt er sie lange hinter Wut und Trotz, die er an seiner Frau auslässt. So kommen im Film auch Auswirkungen des Patriarchats auf Männer zum Vorschein.
Auch Maag hat den Konflikt zwischen Beruf und Haushalt erlebt: Einen Grossteil der Arbeit für Betty Bossi erledigte sie zuhause. Denn auch sie hatte Kinder, anders als bei den Creolas übernahm ihr Mann jedoch nicht die Hausarbeit. Sie betont aber, er sei immer zur Stelle gewesen, wenn sie ihn um Hilfe bat. Später kümmerte sich Maag auch um ihre älter werdenden Eltern, die nicht unbedingt goutierten, dass ihre Tochter eine arbeitstätige Mutter war. Ihr Mann hingegen habe sie unterstützt, ihren Beruf auszuüben, sie seien ein gutes Team gewesen. Und doch: Der Haushalt und viel Care-Arbeit blieben trotz Arbeitstätigkeit ihre Aufgabe – eine Realität vieler Frauen dieser Zeit.
In Hallo Betty hingegen findet das Ehepaar Creola nach einigen Konflikten wieder zueinander und Ernst in seine Rolle als «moderner Mann», der die Hälfte des Haushalts übernimmt und seine Frau in ihrem Erfolg unterstützt. Vielleicht war das tatsächlich die Realität der Familie Creola. Für die meisten arbeitstätigen Mütter blieb das aber utopisch. In einem Film mit einer arbeitstätigen Mutter in den 50ern als Hauptcharakter müsste diese Doppelbelastung meiner Meinung nach stärker betont werden. Denn so wird Hallo Betty diesen Frauen und ihren Leistungen nicht gerecht. Ausserdem rückt der Film mit dieser Romantisierung der Arbeitsteilung in den 1950ern das Problem in die Vergangenheit, als seien die Forderungen des Feminismus bereits alle erfüllt.
Auch die geschlechterspezifische Lohndifferenz wird im Film nicht thematisiert. Mag sein, dass Betty Bossi als grosse Ausnahme schon in den 50ern gleiche Löhne zahlte – im Durchschnitt bekamen und bekommen Frauen für die gleiche Arbeit aber weniger Lohn. Das hätte in den Film Hallo Betty gehört und ihm mehr Aktualität verschafft. War das dem Drehbuchautor, dem Produzenten und dem Regisseur – übrigens alles Männer – zu politisch?
Die politischen Implikationen der Figur Betty Bossi selbst greift der Film dagegen subtil auf. Creola wird gefragt, wieso sie ihre Figur eigentlich als reine Hausfrau konzipiert habe, wo sie doch selbst berufstätig sei. Es sei eben Werbung, antwortet Creola, und die Handlung geht weiter. Ob Betty Bossi überhaupt feministisch sein kann, oder in der Vermarktung «von Hausfrau zu Hausfrau» bloss traditionelle Rollenbilder zementiert, wird nicht weiterverfolgt. Diese Frage ist aber von zentraler Bedeutung: Natürlich sollte auch die Hausarbeit, genauso wie alle anderen weiblichen Lebensentwürfe, respektiert werden. Doch die bewusst konstruierte Werbefigur Betty Bossi hält diskussionslos am Status quo fest und zementiert dadurch das traditionelle Rollenbild der kochenden Ehefrau und Mutter. Der potenzielle Widerspruch einer Geschichte über Emanzipation mit einer Hausfrauenfigur im Zentrum hätte in Hallo Betty ebenfalls weiterverfolgt werden können.
Die Geheimnisse der Kochvermittlung
Immerhin ist Creola ein willkommenes Gegenbild zur fiktiven Hausfrau Betty Bossi. Ihre weibliche Perspektive ermöglicht ihr – nach Darstellung des Films – ein besseres Verständnis für Werbung als ihren männlichen Kollegen. Sie ist eine Mutter, die kochende Frauen versteht und als Geschichtenerzählerin zu erreichen weiss. Weniger gewürdigt werden im Film die Fähigkeiten der Hauswirtschaftslehrerinnen im Betty Bossi-Team. In diesem Sinne komme ich nochmals auf Johanna Maag zurück.
Im Interview stachen für mich immer wieder Maags Kompetenzen und ihr ausgeprägtes Wissen hervor. Als Hauswirtschaftslehrerin hat sie nicht nur gelernt zu kochen, sondern auch dieses Wissen methodisch an Jugendliche und Laien zu vermitteln, eine Fähigkeit, die Köch:innen nicht lernen. Wenn Maag das gleiche Rezept in verschiedenen Kochbüchern verglich, konnte sie es ohne Qualitätsverlust auf das Nötige vereinfachen. Geholfen haben ihr dabei Kenntnisse der Physik und Chemie, woraus Kochen im Grunde bestehe, wie sie betont. Dabei war sie stets Teil eines Teams fähiger Frauen – zumindest zu ihrer Zeit war das Betty Bossi-Büro grösstenteils weiblich – die alle dazu beitrugen, eine einheitliche «Rezeptsprache» zu entwickeln, also die gleichen Kochvorgänge immer gleich zu bezeichnen (immer andämpfen anstatt dünsten, anschwitzen oder dämpfen), die logische Reihenfolge der Zutaten einzuhalten, mit den Arbeitsschritten direkt daneben. Diese Innovationen und die resultierende «Machbarkeit» oder «Gelingsicherheit», zusammen mit gut geschriebenen Artikeln, hat Betty Bossi zum Erfolg verholfen, während andere fiktive Köchinnen wie Marianne Berger von Maggi wieder verschwunden sind.
Verpasste Chancen
Von diesen Kompetenzen war ich beeindruckt, auch weil sie mir noch nie in einer künstlerischen Würdigung begegnet sind. Hallo Betty hätte die Chance gehabt, diese weiblich konnotierten Fähigkeiten darzustellen. Aber die Macher von Hallo Betty haben sich lieber auf die Arbeitswelt und die Liebe fokussiert. Mit über 50’000 Besuchenden nach zwei Wochen ist der Film offenbar massentauglich. Immerhin bringt er diese vielen Besuchenden mit der Emanzipationsthematik in Kontakt. Von geschlechtsbedingten Spannungen im Job über häusliche Gewalt zum mental load der arbeitstätigen Mütter greift er sogar mehr Feministisches auf, als ich erwartet hätte.
Wirklich aufrütteln tut Hallo Betty aber nicht, trotz des Potenzials der Geschichte. Der Film lässt die Lohnungleichheit unter dem Teppich kehren und romantisiert die Situation berufstätiger Mütter in den 1950ern. Die Verstärkung der traditionellen Rollenbilder durch die Figur Betty Bossi thematisiert er nur im Ansatz. Zudem entscheiden sich die Autoren – typisch für ihren Beruf – für ein Portrait einer Geschichtenerzählerin. Damit versäumen sie die Chance, weiblich konnotierte Kompetenzen wie die von Hauswirtschaftslehrer:innen zu würdigen. Diese haben ein einzigartiges Verständnis dafür, den Menschen beizubringen, was Essen braucht, um gut zu werden. Und gutes Essen wollen wir alle jeden Tag. Vielleicht hätte Hallo Betty doch ein wenig mehr in der Küche bleiben können, in der Arbeitsküche von Betty Bossi.
Literatur
1: o.A.: Unsere Geschichte, Betty Bossi, <https://www.bettybossi.ch/de/magazin/artikel/die-geschichte-von-betty-bossi/>, Stand: 16.12.2025.
2: Lischer, Markus: Betty Bossi, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 2023. Online: <https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/047458/2023-10-24/>, Stand: 16.12.2025.